Warum wir Pflanzen im Büro brauchen

Alle lebenden Geschöpfe, so auch der Mensch, haben Grundbedürfnisse; sie wollen atmen, sich fortpflanzen und sich in ihrer Umgebung wohlfühlen können. Eine Bürobegrünung im Arbeitsalltag hilft dabei.

Der Mensch hat seit je her seine Umgebung gestaltet, und das nicht selten unter Einsatz seines Lebens. Burgen und Grenzwälle festigten gewonnene Territorien und gaben Sicherheit. Wenn Ort und Zeit günstig waren, wurden Gärten angelegt. Gärten sind ein „erweitertes Selbst auf dem Antlitz der Erde“ schreibt C. Moore 1988 in The poetics of Gardens. Wo finden wir die Poetik in unseren Arbeitswelten, die Ausdruck unser selbst wäre und wie passt das mit dem sogenannten „Neuen Arbeiten“ zusammen? 

Diese Zeilen sind auf Entdeckungsreise. Im Licht meiner Taschenlampe erscheinen ungewöhnliche Ausschnitte von unterschiedlichen Themengebieten und verschwinden wieder im Dunkel, bevor sie zu konkret werden können. Es besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit oder erschöpfende Analyse. Dieser Artikel ist für Menschen, die sich darauf einlassen wollen, Gedanken selber weiter zu spinnen und keine detaillierten Rezepte erwarten.

Wo stehen wir heute

„New work“, das Arbeiten von Morgen, ist den meisten schon einmal als Begriff begegnet. In unserer Vorstellung sehen wir nomadenhaft umherziehende junge Menschen, mit winzigen Notebooks ausgestattet, virtuelle Räume (nicht weit entfernt vom Holodeck der Enterprise) und Arbeitswelten designt wie eine Erlebniswelt mit Rutsche und Bällebad. Selbstorganisierte Teams und posthierarchisches Management – arbeiten auch Sie schon so?

Ähnlich verhält es sich mit der Mobilität von Morgen. Mit Carsharing, E-Scooter und Apps gibt es sie bereits heute, die Straßen und die Parkplätze sind jedoch dieselben geblieben. Vergangenheit und Zukunft finden gleichzeitig in der Gegenwart statt.

Gesundheit und Stärke durch Bürobegrünung

Bürobegrünung fördert das Wohlbefinden

Das Internet und moderne Softwarelösungen machen uns effektiver, das heißt, dass wir immer mehr leisten. Trotzdem arbeiten wir im Schnitt nicht deutlich weniger. Die gewonnene Zeit nutzen wir nicht zum Müßiggang.

Unsere Kapazitäten, die „Straßen und Parkplätze“, sind dieselben geblieben. Nachdem die Technik stark geworden ist, sind wir nun selber gefordert, uns zu optimieren. Die mentale Stärke ist genauso wichtig, wie die physische Stärke und die Gesundheit. Mittlerweile bieten Krankenkassen Meditation-Apps an und ein Morgenritual (um den Tag gut zu starten). Das klingt nicht mehr nach Sekte.

Pflanzen können uns helfen den Anforderungen an uns besser gerecht zu werden. Untersuchungen haben gezeigt, dass schon der Blick auf lebendiges Grün den Spiegel des Stresshormons Kortisol senkt und sich positiv auf Puls und Blutdruck auswirkt. Der Parasympathikus (eine der drei Komponenten des vegetativen Nervensystems), der den Körper zur Ruhe kommen lässt, wird aktiviert und der Sympathikus, zuständig für Reaktionen wie Flucht und Kampf, gedrosselt. Viele Berichte zeugen davon, dass uns Pflanzen in unserer Umgebung einfach ausgeglichener und stresstoleranter machen. Damit sollten sie zum festen Bestandteil gehören, wenn es darum geht, Räume und Arbeitsplätze zu gestalten.

Profilierung Selbstwirksamkeit

Bürobegrünung im Arbeitsalltag

Wie wir mit unseren Zimmerpflanzen umgehen, sagt viel über uns aus. Ich erinnere mich an die Anfänge meiner Tätigkeit als Bürobegrüner, als mir ein Chef beim Anblick einer abgestorbenen Pflanze im Büro seines Mitarbeiters sagte: „Da können Sie mal sehen, wir gut meine Leute ausgelastet sind, die haben keine Zeit zum Blumengießen“. Eine gepflegte Pflanze hätte vermuten lassen, dass dafür Arbeitszeit vergeudete wurde. Eine gepflegte Bürobegrünung kann aber auch Ausdruck von Wertschätzung, Übernahme von Verantwortung, kontinuierlicher Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt sein.

Ich glaube nicht an den „schwarzen Daumen“, denn mit den richtigen Tricks, Geisteshaltungen und Strategien können wir auch mit schwierigen Pflanzen Erfolg haben. Diese Erfahrung stärkt uns für weitere Herausforderungen.

Lebendigkeit durch Bürobegrünung

Wir leben in einer Pandemie, das Nachdenken über Büropflanzen scheint unwichtig im Angesicht der zu lösenden Probleme.

Wir sind nicht verantwortlich für unsere pandemische Lage, aber dafür, wie wir damit umgehen, denn das ist unsere persönliche Verantwortung! Obwohl wir größeren Einfluss als je zuvor auf die Gestaltung unseres Lebens haben, sind wir nicht frei. Wir betreten keine „leere“ Welt. Wir müssen uns mit dem, was ist, auseinandersetzen. Die Corona-Krise fordert einen veränderten Umgang mit dem Leben. Dieser „Daseinserfahrung“ folgt im besten Falle eine Reflexion über das, was uns im Leben wichtig ist und dazu gehört auch, bewusst mit allen Sinnen zu leben.

Die Pflanze (die Natur) lädt dazu ein, uns der „großen Symphonie des Seins“, die wir Leben nennen, zuzuwenden. Wir sind keine seelenlosen Automaten, wir fühlen eine Verbundenheit mit allem, was lebt und vor allem fühlen wir uns dabei selbst.

Was für ein schönes Leben gilt, soll auch für die Arbeit gelten. Auch das Arbeiten soll schön sein, und es wird schön, wenn es dem Leben mehr ähnelt, z.B. durch eine Bürobegrünung. Diese Erkenntnis habe ich im Buch New Workspace Playbook (2. Auflage 2020) gefunden. Dort habe ich das erste Mal den Begriff vom Work-Life-Blending gelesen, der in Zeiten von Homeoffice völlig neue Bedeutung gewinnt.

Fast lautlos haben sich Arbeitswelt und Lebenswelt vermischt. Während wir seit den 90zigern Jahren immer mehr Arbeit aus dem Büro mit nach Hause genommen haben, wird jetzt angestrebt, mehr Leben in das Büro zu bringen (natürlich nicht im Schatten der Pandemie). Das heißt mehr privates Wohlfühlambiente, mehr Austausch untereinander – das heißt natürlich auch mehr Pflanzen. Denn sie sind hier der Ausdruck von der Verbundenheit zum Lebendigen und dienen dem Wunsch nach Wohlbefinden. Wir sind, wie erwähnt, keine „Maschinen-Menschen“, die acht Stunden alle Bedürfnisse ausblenden und erst nach Feierabend anfangen zu leben. Die Arbeitswelt „verlebendigen“ wird das heute genannt.

Was können wir von Pflanzen lernen

Was können wir von Pflanzen lernen?

Die meisten kennen das: Eine Pflanze gefällt uns, wir kaufen sie und platzieren sie so, dass sie gut zur Geltung kommt und uns durch ihr Gedeihen Freude bereiteten wird. Leider kommt es sehr häufig anders – die „undankbare Pflanze“ verkümmert und verabschiedet sich. Wir hätten uns vorher die Pflanze genau ansehen müssen, um ihr dann die Umgebung bieten zu können, in der sie sich entfalten kann. Gilt das nicht auch für Menschen? Diese Erfahrung kann eine gute Lektion dafür sein, wie man auf Menschen besser eingehen, sie besser behandeln und verstehen kann. Wenn wir lernen uns zu fragen, was eine Pflanze von uns braucht (und nicht, was wir von ihr wollen), lernen wir zugleich, uns diese Frage auch in Bezug auf Menschen zu stellen. Wenn wir alle diesen Perspektivwechsel verinnerlichen, würde unser Umfeld und unser Leben erstaunlich lebendig werden (vergl. Simon Sinek im Vorwort zu Pflanzenliebe 2020).

Generation Z 

Bürobegrünung

Jede und jeder sollte das Recht auf ein schönes Leben haben. Dazu gehört auch die Arbeit, meist ein integraler Bestandteil unseres Daseins. Die Erwartungshaltung der „Generation Z“ an ein erfülltes und schönes Leben ist groß, gleichzeitig sinkt die Loyalität zum Arbeitgebenden, sie sinkt genauso wie die Bereitschaft Überstunden zu leisten. Ein Aufopfern für die Firma (sofern es nicht die eigene ist) kennt diese Generation nicht. Ein attraktives Arbeitsumfeld und Entwicklungsmöglichkeiten sind nicht selten wichtiger als das Gehalt. Um Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu finden und zu halten, ist ein Unternehmen heute mehr gefordert als je zuvor.

Für Zalando legten wir eine Bürobegrünung an: einen „poetischen“ Garten mit Hollywoodschaukel und Hängematten mitten im Büro. Damit wurden die Bedürfnisse der Mitarbeitenden ins Licht gerückt und die Lebensqualität erhöht. Eine Haltung, die sich auf verschiedene Bereiche positiv auswirkte. In den sozialen Medien kursierten bald Bilder und zeigten, wie schön es ist, bei Zalando zu arbeiten – eine echte Win-Win-Situation. Der Bürodschungel mit Schaukel ist der neue Kicker!

Erkenntnis

Und was passiert am Ende? Wohin führt uns die Reise dieses Artikels? Vor kurzem schnappte ich einen Satz in einem religiösen Kontext auf: „Kommen Tiere in den Himmel?“ Gute Frage, dachte ich, und was ist mit den Pflanzen? Kommen Pflanzen in den Himmel? Jetzt denke ich: Nein, sie kommen nicht in den Himmel, denn sie sind (anders als wir) längst dort angekommen! (Oder schon immer da und, wie die Tiere, nie aus dem Paradies vertrieben worden).

Die Büro-Pflanze als Vorbild, Weggefährtin und Mentorin…. ich hatte Sie am Anfang gewarnt und versprochen, dass es ungewöhnliches „Gedankenfutter“ zum weiteren Philosophieren gibt.

(Mehr dazu in meinen Artikeln: Biophilic Design – der Wunsch nach Natur; Der grüne Arbeitsplatz und „der Trost der Dinge“; Beziehung Pflanze – Mensch, ein zerbrochener Spiegel?)

Keine Lust zum Philosophieren? Kein Problem, Pflanzen machen uns auch so einfach glücklich!

In diesem Sinne

bis bald Ihr Johannes Meyer-Dohm