Zimmerpflanzen draußen - was ist zu beachten?

Was passiert, wenn Zimmerpflanzen draußen Sonne, Wind und Regen ausgesetzt werden?

Bereits im letzten Jahr begrünten wir die Außenbereiche der Shopping Mall Bikini in Berlin mit Zimmerpflanzen. Das war so erfolgreich, dass wir es dieses Jahr wiederholten. Die Zimmerpflanzen stehen draußen, gut geschützt vor Sonne und Regen unter einem Vordach. Auch meine Mutter verordnete ihren Pflanzen (Gummibaum und Co.) in den Sommermonaten einen Freiluftaufenthalt im Schatten unserer Bäume im Garten. Manche jubelten und andere gingen ein. Was war passiert? Was muss bei Zimmerpflanzen draußen beachtet werden? Das ist hier Thema – theoretisch und, weiter unten im Praxistest als Experiment.

Zimmerpflanzen draußen in einer Gruppe

„…Topfpflanzen bitte gehts spazieren…
Dumpf und zufrieden sitzs Ihr drinnen
Im Zentralgeheizten Zimmer…..
Nur ein oider Philodendron…
Tramt manchmal von Sonne und Wind…
Und er nimmt sein Topf untern Orm Rennt auße in die freie Natur
Und stellt sich unter
A scheißende Kuh
Kennt kein Streß und keine Termine
Uhhh außer an mit einer Biene
Weil auf einmol fia olles Zeit is
Wenn der Sommer nicht mehr weit is“

Topfpflanzen
Von Josef Hader

Herr Hader hat Recht, die meisten Zimmerpflanzen sind verweichlicht „…wie ein Radlschlauch ein schlaffer“…und…“süchtig nach Substral“. Jetzt könnte man meinen, „der Junge muss an die frische Luft“, aber so einfach ist das nicht, daher hier mehr zum Thema Sonne und Temperatur in Form von FAQ.

Sonne oder Schatten? Was vertragen meine Zimmerpflanzen draußen?

In der Natur wachsen Pflanzen normalerweise nicht in geschlossenen Räumen, sondern unter freiem Himmel, manchmal im Schatten anderer Pflanzen. Wieviel Sonne oder Schatten sie vertragen und mögen, kann von ihrem natürlichen Standort abgeleitet werden. Da in unseren Innenräumen häufig vergleichsweise wenig Licht scheint (denken sie nur an den langen Winter), machen bei uns selbst an vermeintlich hellen Standorten eher die Vertreterinnen aus schattigen Wäldern Karriere als Zimmerpflanze.

Kann auch ein Kaktus Sonnenbrand bekommen?

Die meisten Kakteen wachsen in ihrer Heimat in voller Sonne. Sind sie jedoch sonnenentwöhnt worden, z.B. durch Zimmerhaltung (oder eine Gewächshausscheibe), wird der natürliche Sonnenschutz abgebaut und die Pflanze kann im direkten Sonnenlicht einen Sonnenbrand bekommen. Dieses Phänomen trifft auf fast alle Zimmerpflanzen zu. Sie müssen wieder langsam an die Sonne gewöhnt werden.

In ihrer Heimat steht meine Zimmerpflanze in voller Sonne, warum funktioniert das bei mir auf dem Balkon nicht?

Die Sonneneinstrahlung muss immer im Zusammenhang mit Temperatur und Luftfeuchtigkeit gesehen werden. Es kann gut sein, dass eine Pflanze in den Tropen bei 70% rel. Luftfeuchte 24°C volle Sonne gut verträgt, während sie bei Sonne und deutlich niedrigerer Luftfeuchtigkeit auf dem Balkon Problem bekommt. Das trifft z.B. auf die Kenia-Palme und viele Drachenbäume zu.

Hilft Sonnencreme?

Das ist natürlich nicht ernst gemeint, mir ist kein Produkt für Pflanzen bekannt. Es ist übrigens nicht – wie häufig vermutet – nur die UV-Strahlung, sondern der gesamte Energieeintrag durch die Sonnenstrahlung, der zu Sonnenbrand (Zerstörung lebendiger Zellen) führt. Nur in einem Punkt können wir unsere Haut mit den Blättern der Pflanze vergleichen. Auch wir müssen uns nach dem Winter erst langsam an die Sonne gewöhnen und hinter einer Glasscheibe werden wir nicht braun bzw. bauen keinen Sonnenschutz auf.

Warum kommen unsere Zimmerpflanzen fast alle aus den Tropen?

Da unsere Wohnräume keine Jahreszeiten haben und häufig das ganze Jahr nahezu gleichbleibend warm sind, verwenden wir Topfpflanzen aus den Tropen, die auch keine Jahreszeiten kennen. Unter den Zimmerpflanzen gibt es kaum eine, die Frost verträgt; die meisten möchten Temperaturen zwischen +17°C und +24°C. Abkühlungen bis +10°C werden von einigen Pflanzen vertragen, sofern sie nur kurz anhalten, wenn z.B. einer kühlen Nacht ein warmer Tag folgt. Für viele ist aber das auch schon zu viel (z.B. Kolbenfaden). Die individuelle Komforttemperatur muss bei einem erfolgreichen Freiluftaufenthalt unbedingt beachtet werden.

Können sich meine Zimmerpflanzen draußen erkälten?

Im humanmedizinischen Sinne natürlich nicht. Aber lange Unterkühlungen oder starke Temperatursprünge (z.B. auch von kalt zu warm!) schädigen oder schwächen die Pflanze. Der Stoffwechsel gerät durcheinander und es besteht die Gefahr von Sekundärerkrankungen. Besonders empfindlich sind die Wurzeln, die Füße der Pflanze. Anders als im natürlichen Boden kühlen die Wurzeln im Topf viel schneller aus. An Temperaturänderungen muss die Pflanze langsam gewöhnt werden. Das nennt man Akklimatisierung.

Fazit

Die Bedingung an den Orten der natürlichen Verbreitung unserer Zimmerpflanzen (meistens die Tropen) gibt Auskunft über die grundsätzliche Toleranz der Pflanzen. Diese entscheidet darüber, ob Sie ihre Zimmerpflanzen draußen aufstellen können.

Durch Zimmerhaltung werden Pflanzen verweichlicht und müssen erst langsam abgehärtet werden, wenn sie ins Freie gestellt werden sollen. Dieses gilt für Sonneneinstrahlung und Temperaturänderungen.

Wichtig: Auch Temperatursprünge von kalt zu warm vermeiden.

In der Praxis

Robuste Zimmerpflanzen, wie z.B. Monstera, Gummibaum, Aralie und Yucca können in den Sommermonaten ins Freie gestellt werden. Sensible Tropenkinder wie Aglaonema, Maranthe und Calathea sollten im Haus bleiben. Warten Sie also besser ab, bis die Nächte nicht mehr kalt sind. Das kann bis Ende Mai oder Anfang Juni dauern! Räumen Sie die Pflanzen an einem bedeckten Tag nach draußen und stellen Sie sie in den Schatten. Sonnenverbrennung können schon nach wenigen Minuten entstehen. Gewöhnen sie die Pflanzen langsam an die Sonne und lassen Sie empfindliche Pflanzen im Schatten von z.B. Bäumen stehen. Wenn die Nächte Ende September kalt werden, müssen die Pflanzen wieder eingeräumt werden. Vermeiden Sie große Temperatursprünge. Haben Sie einen kühlen Ort im Haus zum Akklimatisieren, können einige Pflanzen, z.B. Yucca, auch länger draußen belieben.


Das Experiment: Zimmerpflanzen draußen im Praxistest

Für meinen Härtetest habe ich eine Gruppe Zimmerpflanzen ausgewählt. Ich entschied mich für zwei Sorten des Gummibaumes (Ficus elastica) und zwei Sorten der sog. Glücksfeder (Zamioculcas zamiifolia), eine Sorte des gerandeten Drachenbaumes (Dracaena reflexa var. Angustifolia syn.Dracena marginata) und einen breitlaubigen Bogenhanf (Sansevieria masoniana).

Gummibaum, Glücksfeder, Drachenbaum und Bogenhanf - wie kommen diese Zimmerpflanzen klar, wenn sie draußen stehen?

Die Pflanzen wurden an einem trüben Tag ausgeräumt und in eine Garageneinfahrt gestellt. Dieser Ort liegt bis ca. 12:00 Uhr im Halbschatten, wird dann bis zum Abend komplett besonnt und heizt sich dann schnell auf.

Die ersten Wochen waren keine Probleme zu erkennen, die Pflanzen entwickelten sich prächtig. Bei zunehmender Sonnenintensität zeigten sich dann doch kleine Verbrennungen: 

Gleichzeitig machten die Gummibäume und der Drachenbaum einen kräftigen Zuwachs. Die panaschierten Blätter (beim Ficus weiß) die im Freien gewachsen waren, überstanden die volle Sonne ohne Schaden zu nehmen.

Nach und nach tauchten bei den Zamioculcas immer mehr verbrannte Stellen auf. Die Sansevieria blieb überraschen unversehrt. Das hatte ich in der Vergangenheit schon anders erlebt. Anfang August stellte ich bei voller Sonne eine Sansevieria cylindrica dazudie bis dahin im unschattierten Gewächshaus gestanden hatte. Schon am nächsten Tag waren heftige Verbrennungen zu erkennen, die gravieren Zellschädigungen zu Folge hatten.

Fazit Experiment:

Die Bedingungen für meine Pflanzen waren brutal, dafür haben sie sich gut geschlagen. Bei der Sansevieria cylindrica muss ich mich entschuldigen, das war einfach zu hart. Der Schaden zeigt, wie wichtig eine vorsichtige Gewöhnung an die Sonne ist!

Überrascht hat mich die Zamioculcas. Jetzt interessiert mich ihre Temperaturtoleranz und nächstes Jahr möchte ich testen, wie weit sie ohne zusätzliches Wässern über den Sommer kommt.

Ich werde Ihnen davon berichten…

Bis bald,

Ihr Johannes Meyer-Dohm